„Villa Kunterbunt“

Das fängt ja gut an! Maßnahmen wie zu Heusner-Zeiten!

Der neue Oberbürgermeister und die neuen Ratsmitglieder waren noch nicht vereidigt, da erließ die Verwaltung schnell noch eine Ordnungsverfügung, mit der zur kurzfristigen Räumung des seit mehr als 40 Jahren besetzten Hauses Auf den Holln 1-3 – bekannt als „Villa Kunterbunt“ – aufgefordert wird. 

Doch damit nicht genug! Nachdem das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen per Eilentscheidung die Räumung vorerst gestoppt hatte, versuchten Mitarbeiter der Stadtwerke Bochum, Strom und Wasseranschlüsse im Haus auszubauen. Das erinnert nun doch an Maßnahmen der Stadt Bochum zur Räumung des Heusnerviertels Anfang der Achtzigerjahre. Manche dort durchgeführte Zwangsräumung wurde im Nachhinein von Gerichten für rechtswidrig erklärt. So auch die sofortige Räumung der Bahnstraße 4 aus angeblich seuchenpolizeilichen Gründen. Das eingeschaltete Verwaltungsgericht Gelsenkirchen konnte nach Abriss des Hauses nur noch die Rechtswidrigkeit der sofortigen Räumung feststellen. Seuchenpolizeiliche Gründe waren für das Gericht nicht erkennbar. Und das Amtsgericht Bochum musste damals mehrere Besetzer*innen gegen rechtswidrige Räumungen schützen. Wer ein Jahr in einem Haus wohnt, hat auch ohne Mietvertrag Besitzschutzansprüche. Damit kann gerichtlich Unterlassung von Räumung und Sperrung von Wasser und Strom verlangt werden, solange kein Räumungsurteil vorliegt.

Für die angeblich kurzfristig erforderliche Räumung der „Villa Kunterbunt“ führt die Bauverwaltung nun an, infolge des schlechten baulichen Zustands bestünden akute Gefahren für Leib und Leben der dort wohnenden Personen. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ist von diesen Gründen nicht überzeugt. Es wird zunächst eine Ortsbesichtigung durchführen. Das kann nicht verwundern, hat sich die Verwaltung nach Zugang der Gutachten vom 17./18. September 2025 doch bis zum 24.Oktober 2025 Zeit gelassen, um die angeblich unaufschiebbare Räumung anzuordnen.

Aber wer im Rathaus kann ein Interesse daran haben, dass der neu gewählte Oberbürgermeister und der neu gewählte Rat mit der Räumung eines seit mehr als 40 Jahren besetzten denkmalgeschützten stadteigenen Hauses in die neue Ratsperiode starten? 

Durch die Räumung wird schließlich das Augenmerk auf eine seit Jahren verfehlte Wohnungspolitik in Bochum gelenkt. Wie schon an der Kohlenstraße hat die Stadt auch Auf den Holln preiswerten Wohnraum über Jahrzehnte einfach verfallen lassen. Dabei fallen in Bochum doch jährlich mehr als 400 Wohnungen aus der sozialen Bindung. Der Anteil von Sozialwohnungen an dem Gesamtwohnungsbestand beträgt nur 6,1 %. Der Leerstand beläuft sich auf 3,6 %. Und die Stadt hat nichts Besseres zu tun, als in ihrem Eigentum stehende Häuser verfallen zu lassen.


Der scheidende und der neue Oberbürgermeister dürften eher an einer geräuschlosen Übergabe interessiert sein. Auch Rot-Grün dürfte kein Interesse daran haben, dass gerade jetzt das stadteigene denkmalgeschützte Haus öffentlichkeitswirksam geräumt wird, weil Leben und Gesundheit der dort Wohnenden durch die allein der Stadt anzulastenden schlechten Bausubstanz angeblich gefährdet sein sollen. Schließlich wollen sie ihre Koalition fortsetzen. Hierzu müssen sie sich aber immer wieder eine Mehrheit im Rat suchen und finden.

Oder will sich die Verwaltung nur eines im Haus entstandenen Problems entledigen? Mitte 2024 hatte die Lokalpresse über einen Konflikt zwischen den im Haus wohnenden Parteien berichtet. Dieser Konflikt ist aber mittlerweile allein durch die Räumungsverfügung beigelegt. Im Haus herrscht heute wechselseitig Solidarität! 

Da fragt sich: Wie kann es mit der „Villa Kunterbunt“ nun weitergehen?

Die Stadt Bochum lädt in ihrer Reihe „Stadtgespräch“ am 12. November 2025 ab 19:00 Uhr ins Kunstmuseum Bochum, Kortumstraße 147. Das Thema diesmal: „Gemeinschaftliches Wohnen“. Nach ihrer Pressemitteilung (siehe hier https://www.bochum.de/Pressemeldungen/31-Oktober-2025/Reihe–Stadtgespraech–im-Museum-befasst-sich-mit-gemeinschaftlichem-Wohnen ) will die Stadt besondere Wohnformen, bei denen sich Menschen mit derselben Wohnvorstellung gezielt zusammentun, als Beitrag zu einer sich ausdifferenzierenden Wohnungsnachfrage und zur Stärkung der Nachbarschaften im Quartier unterstützen. Da liegt es doch auf der Hand, das seit mehr als 40 Jahren bestehende Wohnprojekt „Villa Kunterbunt“ einmal mit den Betroffenen und der Zivilgesellschaft zu diskutieren. Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.